Politics: Ciao, Stimmzettel ›Kassenbon‹, hallo, Unternehmerische Sorgfaltspflicht! – Warum wir die Fashion Revolution in die Parlamente tragen müssen


Politics:

Ciao, Stimmzettel ›Kassenbon‹, hallo, Unternehmerische Sorgfaltspflicht!

– Warum wir die Fashion Revolution in die Parlamente tragen müssen


Dieser Post entstand im Rahmen unser ehrenamtlichen Mitarbeit an der Fashion Revolution 2019 unter dem Dach des FutureFashionForward e.V.s und der Plattform FashionRevolution.org. Die namentliche Nennung von Unternehmen, Politiker*innen und Aktivist*innen ist unbeauftragt und gründet auf vergangenen Veranstaltungen sowie aktuell laufenden Petitionen mit thematischer Überschneidung.

Fotos:
Julia Bischoff | Andrea HeinsohnPetra Maier | Sarah Mehler & Lena Scherer
 

Header:
(left) Esther Roling, Schauspielerin & Regionalvertretung Nord und Bundesverband Schauspiel; Foto: Andrea Heinsohn 
(right) Anna Kessel, die konsumentin; Foto: Petra Maier

shortcuts – Goodbye, Fashion Revolution Week 2019. Last week, we told you about our demonstration that took place in Hamburg, the aims and visions of some of the organizers, the dirty facts, the denim industry has to offer, as well as the sustainable solutions that are in constant development. Here’s to a few impressions of this past saturday’s demonstration. And, most important, to a few thoughts that evolved during and after the demonstration.Long store short: We believe it is time for more political action from within our green community. Let’s stop voting in terms of the choices we make while consuming and start to take action. How to start, you may ask? For example by joining the claim and signing the petition #fairbylaw. (Find the link below).

Vergangene Woche jährte sich das textilindustriell verschuldete Unglück in der Fabrik Rana Plaza, Bangladesch, zum sechsten Mal, und eine internationale Community rief auf zur  Fashion Revolution Week 2019. Wir (heisst: ein Haufen fleissiger Organisatorinnen, die unter dem Dach der internationalen Fashion Revolution Bewegung in Berlin, Hamburg und einigen andern deutschen Städten zusammen kamen) organisierten parallel in Berlin und Hamburg Demonstrationen und zogen am Samstag, den 27. April unter den Slogans »Fashion Revolution«, »Who made my clothes?« und »Deine Jeans macht Politik« durch die Innenstädte. In Hamburg endete die Demonstration, nach einem fröhlichen und zeitweise auch sehr wütenden Umzug zwischen Fair Fashion Läden und Fast Fashion Ketten schließlich mit wichtigen und mahnenden Worten…

… die treffend zusammenfassten, was uns schon seit einigen Monaten im Kopf herum geistert. Denn auch wenn mit der internationalen Bewegung von inzwischen 90 Ländern aus schon einiges erreicht wurde (allein im letzten Jahr erreichte die Kampagne 275 Millionen Menschen offline und online, und damit +83% mehr als im Vorjahr, während sich der Transparency Index großer Unternehmen sich immerhin um 9% in den letzten beiden Jahren steigerte und den Durchschnitt für die größten 300 Unternehmen auf 21% hob; Quelle: Fashion Revolution Transparency Index 2019) – medialer Trubel und steigende Transparenz seitens der Unternehmen sind vor allem diskursiv, und bei weitem nicht genug! Anbei ein Plädoyer dafür, Abschied von der Idee des ›Kassenbons als (einzigem) Stimmzettel‹ zu nehmen und politischer zu werden. Denn spätestens seit diesem Wochenende sind wir überzeugt: Wir müssen die Fashion Revolution in die Parlamente tragen!

Im Bild: Lara Maria Wichels, Schauspielerin und Aktivistin bei Pink Stinks | Foto: Sarah Mehler 

80% der weltweit 75 Millionen arbeitenden Menschen in der Fast Fashion Industrie sind Frauen. Als Feministinnen müssen wir uns Gedanken machen, was für ein Statement wir mit dem Kauf unserer Kleidung abgeben!

– Lara Maria Wichels
(Pinkstinks)

Seit wir 2017 mit unserem Online Blogzine und den dahinter stehenden Projekten rund um die konsumentin versuchen, der Konsumentin von Mode und Alltagsästhetischem eine Stimme zu geben, haben wir als Protagonistin eines Wandels in der Modeindustrie vor allem eine vor Augen: uns selbst und unsere konsumierenden Zeitgenossinnen. Unser Credo, dass die wunderbare Lara Maria Wichels, Schauspielerin und Aktivistin bei Pinkstinks, am Samstag in gute und laute Worte fasste:

Mode soll Spaß machen. Allerdings müssen wir – als Menschen, vor allem aber auch als selbstbekennende Feministinnen – darüber im Klaren sein, welches System wir mit dem Kauf von Fast Fashion unterstützen. In den unübersichtlichen Produktionsketten global agierender Modeunternehmen sind es vor allem die Arbeiter*innen, zum großen Teil Frauen, auf deren Kosten billig und schnell produziert wird. Solange wir aus dem System »Mode« nicht aussteigen wollen, u.a. auch, um diejenigen abzuholen, die noch umdenken werden müssen, sollten wir also Marken unterstützen, die existenzsichernde Löhne garantieren. Die bei der Produktion auf die Gesundheit von Mensch und Umwelt achten. Und die  qualitativ langlebigere Kleidung fernab von schnellen Trends und minderwertigen Materialien herstellen. Kurz: Wir sollten unseren Kassenbon als politischen Stimmzettel verstehen! Vielleicht nicht täglich – aber jedes Mal, wenn wir eine Konsumentscheidung treffen.

Nicht nur unsere ›Jeans macht Politik‹ – wir müssen auch Politik machen! Wir müssen politischer werden, denn den Kassenbon als Stimmzettel zu nutzen ist ein zu großes Privileg!

– Margaux Jeanne Erdmann
(Die Grünen)

Im Bild: (Mitte) Margaux Jeanne Erdmann, Bündnis 90/Die Grünen | Foto: Andrea Heinsohn

So weit so gut, und: wir bleiben der festen Überzeugung, dass unsere Mission Sinn hat. Fast täglich bekommen wir Fragen von interessierten Einsteiger*innen, die ihren Konsum sowohl einschränken, als auch zu den Produkten von nachhaltigeren und faireren Labels greifen wollen. Online versuchen wir, so viele Antworten auf diese täglichen Konsumfragen wie möglich zu liefern.

Dennoch sind wir in den vergangenen Monaten das erste Mal so richtig wütend geworden. Denn: die Gespräche mit deutschen Politiker*innen haben bei uns einen mehr als faden Geschmack zurückgelassen. Bei einem Panel in Berlin, zu dem das deutsche Unternehmen Tchibo unter den – die eigene unternehmerische Praxis mahnenden – Worten von Nanda Bergstein, Nachhaltigkeitsdirektorin bei Tchibo (hier führten wir bereits ein Gespräch) einlud, zeigte sich ziemlich schnell eine Kluft zwischen den sich freiwillig zu Nachhaltigkeits- und Existenzlöhne-sichernden Zielen verpflichtenden Unternehmen sowie den entsprechenden Organisationen (u.a.an dem Abend anwesend ACT und IndustriALL) und der Politik (anwesend der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller, die FDP Bundestagsabgeordnete Gyde Jensen und der ehemalige Vizekanzler Joschka Fischer). Die Diskussionen an dem Abend waren komplex – und doch blieb vor allem ein großes, und ganz schön unangenehmes Gefühl hängen: Zur Zeit scheint sich unsere Politik über alle Parteien hinweg verständigt zur haben, dass die freiwillige Selbstverpflichtung von Unternehmen für einen Wandel innerhalb der Lieferkettentransparenz, hin zu existenzsichernden Löhnen und zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele ausreicht. (Eingehender dargelegt wird die momentane politische Stimmung, u.a. im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, übrigens in einem Interview mit Lisa Jaspers bei den Fashion Changers.)

Schlimmer noch, ein Fazit des Abends: Wir Konsument*innen sollen unsere Kaufentscheidungen als Stimmen nutzen. Warum uns das eigene Credo aus den Mündern deutscher Politiker*innen plötzlich so problematisch erscheint? Die Antwort ist so einfach wie verstörend: Denn da wird der Begriff von Politik zu vorschnell und viel zu stark mit dem Begriff Wirtschaft verschränkt. Wer ein*e mündige*r Bürger*in sein will, der/die muss konsumieren! Ihr könnt euch denken, wie sehr uns am Samstag Margaux Jeanne Erdmann vom Bündnis 90/Die Grünen auf dieses letzte Erlebnis hin aus der Seele sprach. Denn ja: wir sollten mit unseren Konsumentscheidungen wählen. Aber: wir müssen diese Stimme als großes Privileg verstehen, und: wir dürfen darüber auf keinen Fall unsere politische Stimme vergessen. Am Samstag war dies zugleich hoffnungsvolle Antwort (in Form von Hoffnung in die Politiker*innen, die gerade auf dem Vormarsch sind) sowie lautes Wachrütteln der Nachhaltigkeitsszene. Die Frage bleibt: Wie machen wir von hier aus weiter?

Deutsche Unternehmen müssen für Menschenrechtsverletzungen in ihren eigenen Lieferketten verantwortlich gemacht werden – wir fordern die deutsche Bundesregierung auf: Tragt Verantwortung!

– Lisa Jaspers
(Petition #fairbylaw)

Wir haben natürlich keine perfekte Antwort – möchten euch dennoch und immerhin schon einmal auf eine Form von Politik hinweisen, bei der wir unsere Stimme einer konkreten Sache widmen können: die Petition. Anlässlich des nun schon sechsten Fashion Revolution Days hat Lisa Jaspers, Gründerin hinter dem Berliner Label FOLKDAYS, die Petition #fairbylaw erneuert. Ihr Anliegen, dass sie auf der Schwester Demo am selben Tag in Berlin vortrug: Obwohl sich der Einsturz der Fabrik in Bangladesch und die verheerenden Folgen im Jahr 2013 nun bereits zum sechsten Mal jährt, hat sich an den grundsätzlichen wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten, die eine solche Katastrophe hätten verhindern können, bisher fast nichts geändert. Deutschland hat immer noch keine gesetzliche Regelung (ganz im Gegensatz zu Frankreich zum Beispiel!), die eine unternehmerische Sorgfaltspflicht international ausweitet. Dies müssen wir ändern! Setzen wir uns gemeinsam für eine unternehmerische Sorgfaltspflicht ein – unterschreibt die Petition, und nutzt hier und jetzt eure Stimme jenseits des Kassenbons! (Zum genauen »Wie« und dem positiv-Beispiel Frankreich erfahrt ihr Genaueres bei den FashionChangers.) Und, zum Schluss ein ›gentle reminder‹: Die Europawahlen stehen vor der Tür. Lasst uns auch am 26. Mai 2019 nicht Konsumentin, sondern politische Bürgerin sein.

Im Bild u.a.: Miriam Pesch von Sustaynme | Foto: Julia Bischoff

Im Bild (Mitte) u.a. Geraldine Kahl von AWAKE Communications | Foto: Lena Scherer 

Im Bild: (top) Esther Roling, Schauspielerin & Regionalvertretung Nord und Bundesverband Schauspiel | Foto: Andrea Heinsohn

Im Bild: (right) Sandra Meyer von conscious Hamburg | Foto: Petra Maier

Fotos: (top) Andrea Heinsohn, (right) die konsumentin

Fotos: (top left) Julia Bischoff, (top right) Andrea Heinsohn, (left) die konsumentin

P.S.:

Danke an alle, die uns am Samstag
ihre Stimme geliehen,
mit ihrer Präsenz ein Zeichen gesetzt,
und/oder mit ihren guten Augen die Bewegung eingefangen haben!

Konkreten Dank…
Sponsoren/Unterstützende
Für das Gefährt und die Musik:
Hafendieb 
Für das Engagement entlang der Route:
Captain Svenson
B-LAGE Hamburg
glore Hamburg
VIU eyewear
& Werte Freunde
Für Rahmenprogramm und Sachspenden:
AvocadoStore
Tomorrow Bank 
Bridge&Tunnel 
Stop The Water While Using Me
CLOSED
hessnatur
HYDROPHIL
Ratsherrn 
Lemonaid 
Glitterkram